Leben in Kambodscha

Sonnenuntergang über einem Reisfeld in der Provinz Kep in Kambodscha.

Verhaltensregeln in Kambodscha – Was Deutsche wissen sollten

⏱️ Lesedauer: 10 Minuten

Hier in Südostasien habe ich gelernt, wie wichtig ein respektvoller Umgang mit seinen Mitmenschen ist. In den ersten Jahren, damals noch in Thailand lebend, habe ich einige Fehler gemacht, die mich dann einiges an Geld gekostet haben. Damals war ich noch zu sehr mit meiner deutschen Mentalität behaftet. Aber ich habe im Laufe der Zeit durch den täglichen Umgang mit der lokalen Bevölkerung und durch Beobachten dazugelernt.

Da die Mentalität von Thais und Khmer sehr ähnlich ist, haben mir meine in Thailand gemachten Erfahrungen sehr dabei geholfen, mich hier in Kambodscha von Anfang an gut einzuleben.

Du bist und bleibst ein Gast in Kambodscha

Egal, ob du gerade erst angekommen bist, um hier Urlaub zu machen, dich hier niederzulassen, oder schon viele Jahre in Kambodscha lebst, du bist und bleibst ein Gast in diesem Land. Dementsprechend solltest du dich auch verhalten. Das heißt, dich den gegebenen Bedingungen anpassen. Während die allermeisten das ohne Frage machen, gibt es immer wieder Ausnahmen, besonders in schwierigen Situationen.

Du musst wissen, dass die direkte, oft ruppige Art, wie man in Deutschland miteinander umgeht, hier in Kambodscha nicht gut ankommt. Stell dir vor, du bekommst Besuch von einem uneingeladenen Gast, den du trotzdem willkommen heißt. Dann beginnt dieser Gast aber, sich für dein Verständnis unangemessen aufzuführen. Was würdest du davon halten?

Damit es dir leichter fällt, dich in das harmonische Zusammenleben der Kambodschaner einzufügen, hier ein paar grundlegende Regeln:

Regel 1: Das Gesicht wahren ist der Kern von allem

In Deutschland: Ehrlichkeit ist das höchste Gut. Wenn etwas schiefgeht, spricht man es an. Direkt, sachlich oder auch nicht, aber auf jeden Fall ungeschönt.

In Kambodscha: Das Verkehrteste, was du tun kannst, ist, jemanden öffentlich bloßzustellen.

Ein Beispiel:

Wenn in Deutschland ein Mitarbeiter einen Fehler macht, sagt der Chef wahrscheinlich: „Das ist nicht akzeptabel. Das muss sich ändern. Wie wollen wir das lösen?“

Wenn in Kambodscha ein Mitarbeiter einen Fehler macht, sagt der Chef erst einmal nichts, jedenfalls nicht öffentlich. Er spricht mit dem Mitarbeiter später unter vier Augen, sehr sanft, und gibt ihm die Chance, selbst zu verstehen, was falsch war.

Der Hintergrund:

In Kambodscha (wie in ganz Südostasien) ist „das Gesicht wahren“ nicht nur eine Floskel. Wenn du jemanden öffentlich kritisierst oder bloßstellst, demütigst du ihn. Und das heilt nicht, sondern erzeugt bei den Menschen hier tiefen Groll und Scham.

Ein Kambodschaner wird dich in manchen Situationen vielleicht anlügen, um sein Gesicht zu wahren. Ein Deutscher würde das als Vertrauensbruch sehen. Aber aus kambodschanischer Perspektive ist die Wahrheit auszusprechen, die ihn blamiert, schlimmer als die Lüge.

Praktisch heißt das für dich:

  • Kritisiere nie jemanden im Beisein von anderen.
  • Wenn etwas schiefgeht, sprich es unter vier Augen an und auf keinen Fall anklagend.
  • Gehe davon aus, dass Fehler nicht absichtlich gemacht werden.
  • Gib den Leuten die Chance, sich selbst zu korrigieren, statt sie zu verurteilen.

Regel 2: Lächeln bedeutet nicht immer Freude

In Deutschland: Wenn jemand lächelt, ist er in der Regel glücklich, also ein echtes Lächeln. Bei Menschen, die zu viel lächeln, wird sich unter Umständen auch gefragt, ob sie einen Dachschaden haben.

In Kambodscha: Lächeln ist ein wichtiges alltägliches Werkzeug.

Für Kambodschaner ist Lächeln nämlich nicht nur ein Ausdruck des Glücklichseins. Sie lächeln zum Beispiel auch, wenn sie nervös sind. Wenn sie unangenehme Nachrichten haben. Wenn sie zu etwas zustimmen, es aber eigentlich nicht verstanden haben. Wenn sie „nein“ meinen, aber sich nicht trauen, direkt „nein“ zu sagen.

Praktisch heißt das für dich:

  • Vertrau nicht ausschließlich auf das Lächeln, es kann auch ein „Nein“ bedeuten.
  • Lerne, die anderen Signale zu erkennen: Blickrichtung, Körperhaltung, Pausen
  • Frage nach, wenn du dir nicht sicher bist: „Ist das wirklich in Ordnung für dich? oder „Verstehst du das?“, gib der Person eine Chance, ehrlich zu antworten.

Regel 3: Direkt fragen und respektvoll fragen sind nicht das Gleiche

In Deutschland: Man schätzt die Direktheit. „Was kostet es?“ ist normale Geschäftskommunikation.

In Kambodscha: Eine zu direkte Frage kann unhöflich wirken, als würde man jemanden unter Druck setzen wollen.

Ein Beispiel:

Den Taxifahrer in Deutschland fragt man direkt: „Wie viel kostet es zum Flughafen?“

Wenn man einem ehrlichen kambodschanischen Motorrad-Taxifahrer die selbe direkte Frage stellt, ist es wahrscheinlich, dass er dich anlächelt und fragt: „Äh … für dich … vielleicht … 5 Dollar?“ Du siehst sein Lächeln, sein Zögern. In diesem Moment versucht er, einen fairen Preis herauszufinden, ohne die Fahrt zu verlieren und ohne dich zu überfordern.

In Deutschland würde man das Geschwätz wahrscheinlich als Zeitverschwendung sehen. Kambodschaner sehen darin aber Respekt.

Praktisch heißt das für dich:

  • Statt „Wie viel?“ frag „Was wäre angemessen?“
  • Statt „Machst du das?“ frag „Könntest du mir helfen mit …?“
  • Gib etwas Raum für Antworten, dränge niemanden.
  • Etwas Geschwätz ist hier keine Zeitverschwendung, sondern es ist das eigentliche Geschäft.

Regel 4: „Nein“ wird nicht direkt gesagt

In Deutschland: Ein „Nein“ ist klar und deutlich und verletzt meist nicht persönlich.

In Kambodscha: „Nein“ direkt zu sagen, ist eher unhöflich. Es wirkt wie eine Ablehnung der Person, nicht nur des Anliegens.

In Kambodscha sagt man:

  • „Vielleicht“ = bedeutet Nein
  • „Schwierig“ = bedeutet Nein
  • „Ich versuche“ = bedeutet wahrscheinlich Nein
  • „Ich frag nach“ = bedeutet wahrscheinlich Nein

Bei diesen Antworten könnte man als Deutscher denken, die Leute würden einem etwas zusagen. Aber es wurde nichts zugesagt, man hat lediglich versucht, niemanden zu verletzen. Sie sagen nicht direkt „Nein“, weil das Ablehnung signalisieren würde.

Praktisch heißt das für dich:

  • Lerne, die Signale für „Nein“ zu deuten.
  • Wenn du ein eindeutiges Nein brauchst, frage vorsichtig mehrmals nach.
  • Akzeptiere, dass manche Dinge „vielleicht“ sind und auch bleiben werden.
  • Gib nicht der anderen Person die Schuld, wenn ein „vielleicht“ am Ende ein „nein“ war.

Regel 5: Hierarchie und Respekt sind sehr wichtig

In Deutschland: Hierarchie existiert zwar (der Chef und sein Mitarbeiter), aber im privaten Leben sind alle „gleich“. Ein Chef ist nicht per se respektabler als ein Busfahrer.

In Kambodscha: Hierarchie ist überall und extrem wichtig. Nicht, weil es gerecht ist, sondern weil es die Struktur in der kambodschanischen Gesellschaft ist.

An erster Stelle in der Skala für respektvolle Behandlung stehen ältere Menschen, gefolgt von reichen Menschen, gebildeten Menschen und natürlich der Chef einer Firma.

So kann es passieren, dass zum Beispiel ein 30-jähriger Geschäftsführer vor seinem 60-jährigen Chauffeur aufsteht, wenn dieser den Raum betritt. Was in Deutschland absurd wäre, ist hier normal. Wenn ich ältere Mensche auf der Straße begegene, grüße auch ich sie mit einem Kopfnicken und einem Lächeln, welches immer erwidert wird.

Praktisch heißt das für dich:

  • Respektiere ältere Menschen offensichtlich mit Augenkontakt, aufstehen und Grüßen.
  • Dein lokaler Angestellter oder Fahrer erwartet nicht, dass du mit ihm befreundet bist, es verwirrt ihn eher.
  • Wenn du mit Beamten oder „wichtigen“ Leuten sprichst, sei sehr respektvoll.

Regel 6: Zeit ist relativ

In Deutschland: 10 Uhr heißt 10 Uhr. Pünktlichkeit ist Respekt und oberstes Gebot.

In Kambodscha: 10 Uhr heißt „ungefähr 10 Uhr“. Später kommen kann ein Zeichen von Wichtigkeit sein, nach dem Motto „Meine Zeit ist wertvoll, also bin ich spät dran“, oder es zeigt einfach nur eine gewisse Flexibilität.

Neulich war ich mit einem kambodschanischen Freund hier in Kep in einem Kaffee zu einer Besprechung für ein neues Web-Projekt verabredet. Etwa 30 Minuten nach dem eigentlichen Termin rief er mich an, dass er auf dem Weg ist. Er ist eine wichtige Person, weil er der Chef einer Firma ist. Ich weiß, er ist immer sehr beschäftigt, also ist seine Zeit wertvoll.

Praktisch heißt das für dich:

  • Verabrede dich nicht auf die Minute genau, sage besser „Morgen ungefähr um 10“.
  • Ausnahmen sind Termine mit Amtspersonen. Dort solltest du immer pünktlich sein, so wie in Deutschland.
  • Sei nicht frustriert, wenn Menschen zu spät kommen, denn hier hat Zeit einen anderen Stellenwert.
  • Plane bei jedem Termin immer Pufferzeiten mit ein.

Regel 7: Rühme dich nicht selbst, denn Demut ist König

In Deutschland: „Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe“, ist ganz normal.

In Kambodscha: Denselben Satz hier zu sagen, wirkt arrogant.

Stattdessen hört man: „Ich hatte Glück“ oder „Andere haben mir geholfen“ oder „Es war schwer, aber ich versuchte es.“ Ein Kambodschaner wird nicht sagen: „Ich bin ein guter Geschäftsmann.“ Er wird eher sagen: „Ich versuche, zu arbeiten und zu lernen.“ Das ist keine falsche Demut, sondern echte. Und es ist besser, dass du sie auch zeigst.

Praktisch heißt das für dich:

  • Prahle nicht damit, was für ein toller Hirsch du bist, was du alles hast, weißt oder kannst.
  • Wenn du etwas Gutes erreicht hast, beziehe den Erfolg nicht auf dich alleine.
  • Sprich über deine Lernkurve, nicht nur über deine Erfolge.
  • Arroganz wird in dieser Kultur durch Ablehnung bestraft.

Regel 8: Die Familie ist alles

In Deutschland: Du hast deine Familie und dein eigenes Leben. Beide sind wichtig, aber nicht vermischt.

In Kambodscha: Deine Familie ist dein Leben.

Ein kambodschanischer Arbeitgeber wird es immer verstehen, wenn ein Mitarbeiter einen Tag frei nimmt, weil sein Cousin heiratet. Wenn ein Mitarbeiter mitten in einem wichtigen Arbeitsschritt einfach alles stehen und liegen lässt, weil er zu seiner Familie nach Hause fahren muss, kann das für einen deutschen Arbeitgeber in Kambodscha frustrierend sein.

Praktisch heißt das für dich:

  • Respektiere, wenn Menschen wegen ihrer Familie gehen müssen.
  • Versuch nicht, zwischen jemandem und seiner Familie zu kommen. Auch nicht, wenn du eine kambodschanische Lebenspartnerin oder einen kambodschanischen Lebenspartner hast.
  • Wenn du akzeptiert werden willst, frag nach der Familie, interessiere dich dafür.
  • Die Familie schlägt immer das Geschäft. Das ist keine Ausnahme, das ist ein ungeschriebenes Gesetz.

Regel 9: Kambodscha ist ein buddhistisches Land und Spiritualität ist überall

In Deutschland: Religion ist Privatsache. Du kannst gläubig sein oder nicht, niemand fragt danach.

In Kambodscha: Der Buddhismus durchdringt alles. Nicht als Dogma, sondern als Lebenspraxis, und das ist gut so.

Egal, was sie tun, die Menschen sind auf ein gutes Karma bedacht. Ein Freund würde dir nicht helfen, etwas zu tun, das „böses Karma“ bringt, auch wenn du ihn noch so darum bittest. Das ist keine Religiosität, sondern im buddhistischen Kambodscha eine Weltanschauung.

Praktisch heißt das für dich:

  • Respektiere buddhistische Praktiken, auch wenn du damit nichts am Hut hast.
  • Frag nicht „Wieso?“, sondern akzeptiere einfach, dass manche Dinge „so sind, wie sie sind“.
  • Respektiere Buddha, Mönche und Tempel. Das ist nicht verhandelbar.

Fazit

Der Unterschied zwischen Deutschland und Kambodscha ist nicht, dass eine Kultur nun besser ist als die andere. Es ist vielmehr so, dass Deutsche direkt sind, versuchen, möglichst effizient zu sein, individuelle Rechte schätzen und Konflikte offen austragen. Kambodschaner dagegen sind eher indirekt, vertrauen auf Beziehungen, familiäre und gesellschaftliche Harmonie und vermeiden offene Konflikte, wenn immer es geht.

Beide Systeme funktionieren, aber eben anders.

Wenn du nach Kambodscha kommst und erwartest, dass die Menschen wie in Deutschland sind, wirst du wahrscheinlich enttäuscht sein. Aber wenn du anfängst zu verstehen, dass es kein besser oder schlechter gibt, sondern nur ein Anders, dann wird alles viel einfacher.

Ich bin nach 19 Jahren in Kambodscha nicht zum Kambodschaner geworden. Aber ich habe die kambodschanische Art zu leben sehr zu schätzen gelernt. Und das hat das Leben für mich entscheidend positiv verändert.

Foto-Motiv: Sonnenuntergang über den Reisfeldern in der Provinz Kep, Kambodscha.

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„Alles, was wir sind, ist ein Resultat dessen, was wir gedacht haben.“ – aus dem Dhammapada

Der Blog Author auf einem Steg im Sailing Club Kep.

Der Autor

Hallo, ich bin Andreas Stöcker unter Kambodscha Fans als Don Kong bekannt. Ich lebe seit 1999 in Südostasien, von wo ich über Land, Leute und mein Leben berichte.

Wie ich in Südostasien gelandet bin?

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