Leben in Kambodscha

Buddhistische Mönche in orangefarbenen Roben meditieren in einer Reihe auf der Steingalerie eines Tempels in Angkor bei Abendstimmung.

Wenn es wichtiger wird, recht zu haben, als gelassen zu bleiben

⏱️ Lesedauer: 5 Minuten

Buddhistische Gedanken zu unserer aufgeheizten Streitkultur.

Wer heutzutage die Nachrichten verfolgt, durch Kommentarspalten scrollt oder es sich antut, sich eine Talkshow anzuschauen, bekommt schnell den Eindruck: Es geht kaum noch darum, einander zu verstehen. Es geht ums Gewinnen. Jede Meinung wird zur Festung, jeder Andersdenkende zum Gegner, und wer nicht sofort Position bezieht, gilt als verdächtig.

Von hier, aus dem fernen Kambodscha betrachtet, wirkt das oft fast absurd, was die Menschen sich da zumuten. Ich kann mich nicht davon ausnehmen, denn auch ich unterliege ganz automatisch teilweise diesem Verhalten. Wenn man jedoch seine Gedanken bewusst beobachtet, merkt man schnell, wie dieser Mechanismus abläuft: Ein Satz, eine Schlagzeile, ein Kommentar, und schon steigt Ärger auf, es formt sich die Gegenrede im Kopf. Wer diesen Moment bemerkt, hat bereits eine Wahl. Man muss dem Impuls nicht folgen. Man kann ihn sehen, ihn kurz da sein lassen und dann entscheiden, ob es sich wirklich lohnt, darauf einzusteigen. Meistens, so meine Erfahrung, tut es das nicht.

Die Lust am Rechthaben

Kaum hat jemand etwas gesagt, das uns gegen den Strich geht, läuft im Kopf die Verteidigung an. Warum liegt er falsch? Was müsste man ihm entgegnen? Wie beweist man ihm, dass er Unsinn redet?

In den Medien und vor allem in den sozialen Netzwerken wird genau dieser Mechanismus belohnt. Zugespitzte Aussagen bekommen Aufmerksamkeit, differenzierte kaum. Wer laut ist, wird gehört. Wer zweifelt, geht unter. Das Ergebnis sind Diskussionen, die keine mehr sind, sondern nur noch Schlagabtausch.

Anhaftung an Meinungen

Der Buddhismus hat für dieses Phänomen einen klaren Begriff: Anhaftung. Und er lehrt, dass wir nicht nur an Besitz, Menschen oder Gewohnheiten anhaften können, sondern auch an Ansichten und Meinungen.

Das ist ein unbequemer Gedanke. Denn wer an seiner Meinung haftet, verteidigt nicht mehr eine Sache, sondern sich selbst. Die Ansicht ist zum Teil der eigenen Identität geworden. Jeder Widerspruch fühlt sich dann an wie ein Angriff auf die eigene Person. Genau das erleben wir heute ständig: Menschen streiten nicht über Argumente, sondern über Zugehörigkeit.

Der Buddhismus stellt deshalb eine andere Frage als die, die wir uns normalerweise stellen. Nicht: Habe ich recht? Sondern: Verursacht mein Festhalten am Rechthaben Leiden, bei mir und bei anderen?

Die Blinden und der Elefant

Es gibt ein altes Gleichnis, das der Buddha erzählt haben soll. Eine Gruppe Blinder ertastet einen Elefanten. Der eine fasst den Rüssel und sagt, ein Elefant sei wie eine Schlange. Der andere fühlt das Bein und sagt, er sei wie eine Säule. Der Dritte berührt das Ohr und hält ihn für einen Fächer. Sie geraten in Streit, und jeder ist überzeugt, die Wahrheit zu kennen.

Keiner von ihnen lügt. Jeder hat einen Teil der Wirklichkeit erfasst. Aber keiner sieht das Ganze.

Ich finde, besser lässt sich die heutige Debattenkultur kaum beschreiben. Jeder hält seinen Teil des Elefanten fest und erklärt alle anderen für blind.

Rechte Rede

Zum Edlen Achtfachen Pfad gehört die „rechte Rede“. Gemeint ist damit nicht, immer das Richtige zu sagen, sondern auf die Art zu achten, wie man spricht. Nach buddhistischem Verständnis sollte Rede wahr sein, hilfreich, freundlich und zur rechten Zeit erfolgen.

Wenn man diese Maßstäbe an viele Talkshows, Schlagzeilen oder Kommentarspalten anlegt, fällt das Ergebnis ernüchternd aus. Vieles ist vielleicht wahr, aber selten hilfreich, kaum freundlich und fast nie zur rechten Zeit, sondern sofort, impulsiv, im ersten Ärger.

Dabei gehört zur Weisheit auch, zu wissen, wann die Wahrheit ausgesprochen werden muss und wann Schweigen den inneren Frieden schützt. Nicht jede Provokation braucht eine Antwort. Nicht jeder Kommentar verdient einen Gegenkommentar.

Gleichmut ist keine Gleichgültigkeit

Damit kein Missverständnis entsteht: Es geht nicht darum, sich aus allem herauszuhalten oder jeden Unsinn als wahr hinzunehmen. Unterscheidungsvermögen ist und bleibt wichtig, gerade in Zeiten, in denen viel Falsches verbreitet wird.

Der Buddhismus spricht von Gleichmut. Das bedeutet nicht, dass einem alles egal ist. Es bedeutet, den eigenen inneren Zustand nicht davon abhängig zu machen, ob ein anderer zustimmt oder nicht. Man kann eine klare Haltung haben und trotzdem ruhig bleiben. Man kann widersprechen, ohne den anderen zu verachten.

Was schütze ich da eigentlich?

Wenn du das nächste Mal den Drang spürst, unter einen Beitrag zu schreiben, wie falsch jemand liegt, oder dich mit anderen in eine Diskussion zu verbeißen, halte kurz inne. Atme durch und frag dich:

„Was schütze ich in diesem Moment wirklich?“

Oft ist es gar nicht die Wahrheit. Oft ist es Stolz. Das eigene Weltbild. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Oder schlicht der Wunsch, gesehen und bestätigt zu werden.

Der größere Sieg

Eine Gesellschaft, in der jeder recht haben muss, wird am Ende keine Gewinner haben. Nur Erschöpfte.

Vielleicht liegt der eigentliche Gewinn nicht darin, dass der andere irgendwann zugibt: „Du hattest recht.“ Vielleicht liegt es daran, wieder zuhören zu können. Den anderen Teil des Elefanten wenigstens für möglich zu halten. Und an einen Punkt zu kommen, an dem man das Rechthaben gar nicht mehr so dringend braucht.

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„Alles, was wir sind, ist ein Resultat dessen, was wir gedacht haben.“ – aus dem Dhammapada

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Der Autor

Hallo, ich bin Andreas Stöcker unter Kambodscha Fans als Don Kong bekannt. Ich lebe seit 1999 in Südostasien, von wo ich über Land, Leute und mein Leben berichte.

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