Leben in Kambodscha

Garküche an der Uferpromenade von Phnom Penh: Eine Frau serviert Khmer-Nudeln an roten Tischen, Familien essen im Freien.

Bong und P’oun – Warum Kambodscha eine große Familie ist

⏱️ Lesedauer: 5 Minuten

Hast du dich je gefragt, warum dich die meisten Kambodschaner mit „Bong“ (großer Bruder/große Schwester) ansprechen, wenn du älter bist? Oder wenn du jünger bist, sie „P’oun“ (kleiner Bruder/kleine Schwester) zu dir sagen?

Das ist nicht so, weil sie meinen, du wärst ein Verwandter, und es ist auch nicht einfach nur Höflichkeit. Es ist der sprachliche Ausdruck der gesellschaftlichen Welt, in der die Kambodschaner leben.

Die Sprache schafft die Familie, nicht andersherum.

In Deutsch (oder Englisch) sind Anreden innerhalb einer Familie präzise. „Bruder“ bedeutet dein biologischer Bruder. „Tante“ bedeutet die Schwester deiner Mutter oder deines Vaters, klar und eindeutig.

In der Perspektive der Khmer ist es völlig anders. Hier werden diese Anreden nicht nur für die echte Familie benutzt, sondern auch für völlig fremde Menschen.

Bong (បង) bedeutet wörtlich „älterer Bruder“ und Bong Srey (បងស្រី) „ältere Schwester“. P’oun (ប្អូន) bedeutet „jüngerer Bruder/Schwester“. Pu (ពូ) bedeutet „Onkel“. Ming (មីង) bedeutet „Tante“.

Das bedeutet, jede Konversation mit einem Fremden beginnt nicht mit der im Deutschen üblichen Anrede „Sie“, sondern so, als wenn man mit einem Verwandten spricht.

Das mag für einen Deutschen anfangs seltsam erscheinen, ist aber im Grunde ein sinnvolles System.

Das Alter ist der unsichtbare Kompass.

Das System funktioniert, weil es auf eine einfache Berechnung läuft: Wie alt bist du relativ zu mir?

In Deutschland interessiert das nicht wirklich. Der Chef kann jünger sein als der Mitarbeiter, es spielt keine Rolle. Der Geschäftsführer einer Firma könnte 25 sein. In Kambodscha jedoch bildet das Alter der Menschen eine soziale Struktur. Älteren Menschen wird hier mehr Respekt gezollt. Ein Umstand, der in der westlichen Welt verloren gegangen ist.

Wenn zwei Khmer sich treffen, die sich vorher unbekannt waren, passiert folgende unbewusste Rechnung:

  • Wie alt bin ich?
  • Wie alt könnte diese Person sein?
  • Welcher Generation gehört diese Person an?

Das geschah automatisch und dauerte keine zwei Sekunden. Als Ergebnis folgen die richtige Anrede, das richtige Verhalten und die richtige soziale Distanz.

Eine 50-jährige Person wird zu einer 25-jährigen Person nicht sagen: „Hey, du.“ Sie wird sagen „P’oun“ (kleine Schwester/Bruder). Das klingt für westliche Ohren übertrieben vertraut. Aber für Khmer ist das die natürliche Ordnung.

Das System wird natürlich auch bei Ausländern angewendet. Da ich schon etwas älter bin, werde ich von den meisten „Bong“, also älterer Bruder, genannt, auch von Menschen, die mich noch nie gesehen haben. So hat mir die Sprache einen Platz in der Gesellschaft zugewiesen, bevor wir überhaupt angefangen haben, uns richtig zu unterhalten.

Es macht den Umgang miteinander menschlicher.

Diese familiäre Ansprache auch unter Fremden schafft eine gewisse Verbundenheit. Also das, was ja auch der Buddhismus lehrt, dass alles miteinander verbunden ist. Anstatt jemanden distanziert mit einer kalten Anrede zu behandeln, ordnet man ihn in eine imaginäre Familie ein.

In formalem Deutsch spricht man einen Fremden mit „Sie“ an, was sicherlich respektvoll ist, aber auch distanziert. Im Khmer spricht man mit ihm wie mit einem Familienmitglied, was vertrauter ist und verbindlicher. Die kambodschanische Variante ist, wie ich gemerkt habe, die angenehmere und menschlichere Version der Kommunikation.

Beispielsweise, wenn ich in einem Café sitze und die Verkäuferin nach dem Preis für Kaffee frage.

  • Deutsche Version: „Wie viel kostet das?“ (sachlich, geschäftlich)
  • Khmer-Version: „P’oun, wie viel kostet das?“ (Schwester, wie viel kostet das?)

Die erste Version ist eine unpersönliche Transaktion. Die zweite ist ein menschliches Moment.

Ich habe festgestellt, dass Menschen anders mit dir sprechen, wenn sie dich als Familie behandeln. Sie sind freundlicher. Sie helfen schneller. Sie sind weniger bereit, dich zu betrügen, weil man so etwas normalerweise in der „Familie“ nicht macht. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Kambodscha auf Ausländer so entspannt wirkt, denn überall um dich herum gibt es nur „Familie“.

Die Ausnahme ist die Formalität.

Es gibt in der Khmer-Sprache selbstverständlich auch formale Anredeformen: Lok (លោក) für „Herr“ und Lok Srey (លោកស្រី) für „Frau“. Diese werden aber nur selten verwendet, es sei denn, wenn es wirklich sehr formal werden muss, wie zum Beispiel im Umgang mit hohen Beamten in Behörden.

Im alltäglichen Leben, auf dem Markt, im Restaurant, bei Handwerkern oder mit Freunden bleibt man immer bei den familiären Anreden.

Warum ist das wichtig für Ausländer zu verstehen?

Wenn du nach Kambodscha in den Urlaub kommst, musst du dich nicht fremd fühlen. Allein die Sprache signalisiert dir, dass du kein Fremder bist. Wenn dich jemand „Bong“ oder „P’oun“ nennt, wird dir damit ein Platz in der großen Familie der Khmer eingeräumt. Sie sehen dich nicht als „andersartig“, sondern als Teil der Gemeinschaft an.

Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum sich Kambodscha so anders anfühlt als die westliche Welt. Die Menschen sind hier nicht nur freundlicher, sondern die Sprache vereint sie auch zu einer einzigen großen Familie, in die sie erst einmal jeden, also auch Ausländer, mit einschließen.

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„Alles, was wir sind, ist ein Resultat dessen, was wir gedacht haben.“ – aus dem Dhammapada

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Der Autor

Hallo, ich bin Andreas Stöcker unter Kambodscha Fans als Don Kong bekannt. Ich lebe seit 1999 in Südostasien, von wo ich über Land, Leute und mein Leben berichte.

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