Leben in Kambodscha

Der mit Badegästen gut besuchte Strand von Kep in den 60er Jahren.

Kep – Vom französischen Juwel über die Zerstörung zur Wiedergeburt

⏱️ Lesedauer: 11 Minuten

Hiermit möchte ich euch die faszinierende Geschichte meines Wohnorts Kep näherbringen, eine Geschichte voller Eleganz und Tragödie, Zerstörung und langsamer Wiedergeburt. Nach 7 Jahren, die ich nun in Kep lebe, habe ich gelernt: Man kann Kep nicht verstehen, ohne seine Vergangenheit zu kennen. Und diese Vergangenheit ist bewegender, als die meisten Besucher ahnen.

Die Anfänge – vor der französischen Zeit

Die frühe Geschichte von Kep liegt weitgehend im Dunkeln. Zur Zeit der großen Angkor-Ära, die in vielen Teilen des Landes monumentale Tempel und beeindruckende Bauten hinterließ, entstanden in Kep keine bedeutenden architektonischen Meisterwerke. Die Bauaktivitäten in den folgenden Jahrhunderten konzentrierten sich offenbar hauptsächlich auf lokale, praktische Bedürfnisse.

Die Küstenlage von Kep ermöglichte zwar Handel, allerdings ließ sich von mir nicht ermitteln, in welchem Umfang. Die Bevölkerung lebte wahrscheinlich überwiegend vom Fischfang, betrieb Subsistenzlandwirtschaft und trieb Handel mit benachbarten Regionen.

Kep war also nichts weiter als ein verschlafenes Fischerdorf am Golf von Thailand, bis die Franzosen kamen und alles veränderten.

1863–1908: Die französische Kolonialzeit beginnt

Mitte des 19. Jahrhunderts geriet Kambodscha unter französischen Einfluss. König Norodom unterzeichnete im August 1863 einen Vertrag, der sein Königreich unter französisches Protektorat stellte. Kambodscha wurde Teil des kolonialen Konstrukts Französisch-Indochina.

Die französische Verwaltung beließ die kambodschanischen Institutionen größtenteils intakt, einschließlich der Monarchie. Nach französischem Vorbild wurde ein lokaler Verwaltungsapparat aufgebaut. Während das Bildungswesen vernachlässigt wurde, investierten die Kolonialherren massiv in Infrastruktur: Straßen wurden angelegt, Häfen gebaut und öffentliche Einrichtungen errichtet.

In dieser Zeit rückte auch das kleine Küstendorf Kep in den Fokus der französischen Kolonialbehörden.

1908: Die Geburt von „Kep-sur-Mer“

Im Jahr 1908 gründeten die französischen Kolonialherren offiziell Kep City. Der Ort erhielt den klangvollen Namen „Kep-sur-Mer“ – Kep am Meer – eine offensichtliche Anspielung auf die mondänen Badeorte der französischen Mittelmeerküste. Tatsächlich sollte Kep eine Art südostasiatisches St. Tropez werden.

Von Anfang an war Kep als exklusiver Urlaubsort konzipiert, ein Rückzugsort für die französische Elite und wohlhabende Kambodschaner. Die koloniale Oberschicht errichtete elegante Villen mit Meerblick, wo man der Hitze und Hektik von Phnom Penh entfliehen konnte. Nur 173 Kilometer von der Hauptstadt entfernt bot Kep Erholung und Eleganz in perfekter Kombination.

1953: Kambodschas Unabhängigkeit

Nach neunzig Jahren französischer Kolonialherrschaft erlangte Kambodscha 1953 seine Unabhängigkeit. Das Protektorat wurde aufgelöst, König Norodom Sihanouk übernahm die Führung des nun souveränen Staates.

Für Kep bedeutete die Unabhängigkeit keineswegs den Niedergang, ganz im Gegenteil. Der Badeort blieb weiterhin ein bevorzugtes Ziel der gesellschaftlichen Elite. Sowohl wohlhabende Kambodschaner als auch französische Residenten, die im Land geblieben waren, frequentierten weiterhin die Küstenstadt.

Die goldenen 1960er Jahre – Keps Blütezeit

Das folgende Jahrzehnt sollte zur Glanzzeit von Kep werden. Besonders unter der Sangkum-Reastr-Niyum-Regierung von Prinz Norodom Sihanouk erlebte die Stadt eine intensive Entwicklungsphase. Kep wurde systematisch als prestigeträchtiger Küstenort für die gesellschaftliche und politische Elite ausgebaut.

In dieser Ära entstanden die architektonisch bemerkenswerten Villen, die Keps Stadtbild bis heute prägen – zumindest als Ruinen. Führende Architekten wie Vann Molyvann und Lu Ban Hap schufen Meisterwerke der sogenannten „New Khmer Architecture“. Sie verbanden Elemente der internationalen Moderne – inspiriert von Bauhaus, Le Corbusier und Richard Neutra – mit traditionellen Khmer-Elementen. Das Ergebnis war ein einzigartiger architektonischer Stil, der Kambodschas goldenes Zeitalter des Modernismus verkörperte.

Ehrgeizige Pläne wurden entwickelt, Kep zu einem modernen Seebad auszubauen. Prinz Sihanouk förderte diese Entwicklung persönlich und initiierte den Bau eines Golfplatzes. Der König selbst unterhielt nicht nur eine prachtvolle Villa in Kep, sondern besaß sogar eine eigene Insel vor der Küste.

Kep entwickelte sich zum absoluten Hotspot der kambodschanischen High Society. Regierungsbeamte, erfolgreiche Geschäftsleute und prominente Künstler verbrachten ihre Wochenenden an dieser exklusiven Küste. Es war eine Ära des Wohlstands, der architektonischen Innovation und der gesellschaftlichen Eleganz, eine kurze, aber glanzvolle Blütezeit.

1970: Der Beginn des Niedergangs

Im März 1970, während Prinz Sihanouk auf Auslandsreise in der Sowjetunion weilte, stimmte die Nationalversammlung für seine Absetzung. General Lon Nol übernahm die Macht und etablierte ein neues Regime.

Damit begann ein verheerender Bürgerkrieg, der fünf Jahre andauern sollte. Zwischen 1970 und 1975 kämpften die Regierungstruppen unter Lon Nol, massiv von den USA unterstützt, gegen die kommunistischen Roten Khmer um die Kontrolle über Kambodscha. Diese Jahre waren geprägt von brutalen Kämpfen, massiven US-Bombardements und zunehmendem Chaos. Schätzungsweise zehn Prozent der Bevölkerung, etwa 700.000 Menschen, kamen in diesen fünf Jahren ums Leben.

Für Kep bedeuteten diese Kriegsjahre das abrupte Ende als Ferienparadies. Niemand dachte mehr an Wochenendausflüge ans Meer, während das Land in Gewalt und Chaos versank. Die eleganten Villen standen zunehmend leer, der Tourismus kam völlig zum Erliegen.

17. April 1975: Die Roten Khmer übernehmen die Macht

Als die Hauptstadt kapitulierte, marschierten die Roten Khmer siegreich in Phnom Penh ein. Was folgte, war einer der schlimmsten Genozide des 20. Jahrhunderts.

Unter der Führung von Pol Pot wollten die Roten Khmer Kambodscha radikal in eine agrarische, klassenlose Gesellschaft umgestalten, ohne jede westliche oder moderne Einflussnahme. Sie schafften Geld ab, schlossen alle Schulen und Universitäten, verboten religiöse Praktiken und zerstörten Tempel und Kirchen. Märkte wurden geschlossen, Privateigentum abgeschafft, traditionelle Kultur unterdrückt. Städte wurden zwangsevakuiert, die gesamte Bevölkerung aufs Land getrieben.

Die Bilanz dieser knapp vier Jahre war verheerend: Konservative Schätzungen gehen von mindestens 1,5 Millionen Toten aus – etwa zwanzig Prozent der Gesamtbevölkerung. Menschen starben durch Überarbeitung auf den Feldern, durch systematische Hinrichtungen, durch Hunger und Krankheiten. Intellektuelle, Städter, Menschen mit Bildung – sie alle galten als Feinde und wurden ermordet.

Keps Schicksal unter den Roten Khmer

Für Kep, Symbol der dekadenten Elite, kam der totale Niedergang. Die prächtigen Kolonialbauten und modernistischen Villen wurden verlassen. Viele wurden während der Kämpfe beschädigt, doch die systematische Zerstörung kam hauptsächlich in den Jahren danach.

Hier muss ich mit einem weit verbreiteten Missverständnis aufräumen. Die meisten Villen wurden nicht direkt von den Roten Khmer zerstört. Die Zerstörung geschah vor allem nach 1979, als das Regime gefallen war. In den Jahren nach der Befreiung herrschten Hunger und verzweifelte Armut. Die zurückkehrende Bevölkerung brauchte dringend Nahrung und Geld zum Überleben. Sie demontierten systematisch die leerstehenden Villen, Türen, Fenster, Holzbalken, Fliesen und Metallteile und tauschten diese wertvollen Baumaterialien in Vietnam gegen Reis und Bargeld.

Was als Symbol von Eleganz und Wohlstand erbaut worden war, wurde zur Überlebensressource in einer Zeit größter Not.

7. Januar 1979: Die Befreiung

Anfang Januar 1979 stürzten vietnamesische Truppen zusammen mit kambodschanischen Rebellen das genozidäre Regime der Roten Khmer. Der dreieinhalbjährige Albtraum fand ein Ende.

Doch die Befreiung brachte nicht sofort Frieden und Wohlstand. Es folgten Jahre vietnamesischer Besatzung, internationale Isolation, wirtschaftliche Misere und anhaltende Guerillakämpfe mit den in die Grenzgebiete geflohenen Roten Khmer. Kambodscha brauchte Jahrzehnte, um sich von diesem Trauma zu erholen.

Die 1980er und 1990er: Jahrzehnte des Vergessens

Für Kep bedeuteten die folgenden zwei Jahrzehnte völligen Stillstand. Die einst eleganten Villen verfielen zusehends, überwuchert von tropischer Vegetation. Der Dschungel holte sich zurück, was der Mensch gebaut hatte.

Kep wurde zum Geisterort, im wahrsten Sinne des Wortes. Die leeren, von Pflanzen überwucherten Ruinen wirkten wie ein surreales Mahnmal einer verlorenen Epoche. Breite Promenaden entlang des Meeres und große Statuen zeugten noch von der einstigen Pracht, doch kaum jemand kam mehr hierher.

Inzwischen hatte sich Sihanoukville zum führenden Badeort Kambodschas entwickelt. Kep war vergessen, ein Relikt aus einer anderen Zeit, überlagert von Jahrzehnten des Krieges und Leids.

Die 2000er Jahre: Erste Zeichen der Wiederbelebung

Nach dem Ende der Bürgerkriege und der politischen Stabilisierung des Landes begann langsam, sehr langsam, eine vorsichtige Wiederentdeckung Keps.

Zunächst waren es vor allem kambodschanische Familien, die Kep als Wochenendziel wiederentdeckten. Aus Phnom Penh kommend, genossen sie frische Meeresfrüchte, besonders die berühmten Kep-Krabben, und die entspannte Atmosphäre am Strand.

Die Behörden erkannten allmählich das touristische Potenzial der Region und begannen, in die Restaurierung zu investieren. Erste kleine Guesthouses entstanden, oft geführt von französischen oder anderen westlichen Expats, die vom ruhigen Charme Keps angezogen wurden.

2008: Kep wird eigene Provinz

Ein wichtiger administrativer Meilenstein: Kep wurde 2008 zur eigenständigen Provinz erhoben. Zuvor war es noch Teil der Provinz Kampot gewesen. Kep wurde damit zur kleinsten und am dünnsten besiedelten Provinz Kambodschas, mit Kep City als Provinzhauptstadt.

Diese administrative Aufwertung signalisierte: Kep sollte eine eigene Identität entwickeln und eine eigenständige Zukunft aufbauen.

2010er Jahre: sanfter Aufschwung

Das folgende Jahrzehnt brachte einen behutsamen Aufschwung. Mehr kleine Hotels und Guesthouses öffneten ihre Pforten. Viele dieser Unterkünfte wurden von Ausländern betrieben, oft Franzosen mit nostalgischer Verbindung zur kolonialen Vergangenheit, die charmante Boutique-Hotels im traditionellen Khmer-Stil errichteten, häufig nahe am Meer gelegen.

Doch die Entwicklung blieb moderat und kontrolliert. Kep behielt seinen verschlafenen, entspannten Charakter, was viele Besucher gerade deshalb schätzten. Es war das Gegenteil von Sihanoukville: ruhig, authentisch, unaufgeregt.

2020er Jahre: Der große Entwicklungsplan

Die 2020er Jahre markieren einen potenziellen Wendepunkt in Keps Geschichte. Im August 2023 wurde offiziell der „Kep Tourism Master Plan 2023–2035“ vorgestellt – ein ambitioniertes Entwicklungsprogramm unter Schirmherrschaft des Tourismusministers und mit voller Unterstützung von Premierminister Hun Manet.

Das erklärte Ziel: Kep soll sich zu einer internationalen Ökotourismus-Destination entwickeln und auf eine Stufe mit Siem Reap und Sihanoukville gebracht werden. Anders als in Sihanoukville soll die Entwicklung jedoch nachhaltig und umweltfreundlich erfolgen.

Mehrere Großprojekte wurden angekündigt:

Die Try Pheap Group plante mit 130 Millionen Dollar die Umgestaltung von Rabbit Island (Koh Tonsay) vor der Küste von Kep in einen gehobenen Tourismus-Hub. Geplant waren Luxusresorts, Hotels, Unterhaltungszentren und buddhistische Stätten. Ein besonderes Highlight: Kambodschas erste Seilbahn soll Koh Tonsay mit benachbarten Inseln verbinden. Mit diesem Projekt ist es bis heute jedoch bei der Ankündigung geblieben.

Ein weiteres Großprojekt der TP Moral Group umfasst über 1.200 Hektar Küstengewässer für die Entwicklung einer neuen Satellitenstadt mit spezieller Tourismuszone. Auch dieses Projekt wurde lediglich angekündigt und bis heute nicht umgesetzt.

Zusätzlich wurde das bereits beschriebene „Art for Kep“-Projekt initiiert – mit Unterwassermuseum, Mangrovenaufforstung und plastikfreiem Strandabschnitt. Ob dieses Projekt jemals umgesetzt wird, bleibt abzuwarten.

Heute: Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Im Jahr 2026 steht Kep an einem historischen Scheideweg. Die Stadt hat bewiesen, dass sie sich von ihrer traumatischen Vergangenheit erholen kann. Die natürliche Schönheit und historische Bedeutung ziehen wieder Besucher an.

Die Ruinen der modernistischen Villen stehen noch immer da, etwa hundert oder mehr dieser gespenstischen Überreste prägen das Stadtbild. Viele sind vollständig von Vegetation überwuchert, ähnlich wie die Tempel von Angkor, ein surreales, fast unheimliches Erlebnis für Besucher.

Diese Ruinen sind zu einem integralen Teil von Keps Identität geworden. Sie sind nicht nur touristische Sehenswürdigkeiten, sondern Mahnmale, Erinnerungen an eine glamouröse Vergangenheit und eine tragische Geschichte zugleich.

Die Veränderung ist bereits spürbar: Besucher, die Kep vor zehn Jahren kannten, berichten von dramatischen Unterschieden. Damals war der Strand selbst in der Hochsaison nahezu menschenleer, die Straße einspurig, riesige Bäume schirmten die Küste ab. Heute präsentiert sich ein völlig anderes Bild: Zahlreiche Sonnenschirme und Liegestühle bedecken den Strand, gefüllt mit kambodschanischen Familien. Die Infrastruktur wurde massiv ausgebaut, neue Restaurants und Hotels säumen die Küste.

Meine persönliche Perspektive

Ich lebe seit Jahren in Kep und habe diese Transformation aus nächster Nähe miterlebt. Wenn ich mir die Ruinen der alten Villen ansehe, spüre ich die tiefe Melancholie dieser Orte. Sie erzählen von einem Kambodscha, das unwiederbringlich verloren ist, aber auch von der erstaunlichen Widerstandsfähigkeit und Regenerationsfähigkeit dieses Landes und seiner Menschen.

Kep hat drei komplett unterschiedliche Leben gelebt: Zunächst das französische Kolonialparadies der frühen Jahrzehnte, dann die goldenen 1960er Jahre unter kambodschanischer Führung und nun, langsam und vorsichtig, eine dritte Inkarnation. Jede Phase war völlig anders, geprägt von den jeweiligen historischen Umständen.

Die zentrale Frage für die Zukunft lautet: Wird diese dritte Wiedergeburt die Seele von Kep bewahren können? Oder wird der Ort zu einem austauschbaren, gesichtslosen Massentourismus-Ziel wie so viele andere?

Die Antwort hängt entscheidend davon ab, wie die aktuellen Entwicklungspläne tatsächlich umgesetzt werden. Die Vision von nachhaltigem, hochwertigem Ökotourismus klingt vielversprechend und richtig. Doch in Kambodscha klaffen Visionen und Realität oft weit auseinander. Ich bleibe vorsichtig optimistisch.

Titelbild Quelle: Delcampe

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„Alles, was wir sind, ist ein Resultat dessen, was wir gedacht haben.“ – aus dem Dhammapada

Der Blog Author auf einem Steg im Sailing Club Kep.

Der Autor

Hallo, ich bin Andreas Stöcker unter Kambodscha Fans als Don Kong bekannt. Ich lebe seit 1999 in Südostasien, von wo ich über Land, Leute und mein Leben berichte.

Wie ich in Südostasien gelandet bin?

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