Heute Morgen bin ich wieder Zeuge eines Rituals geworden, das mich auch nach 18 Jahren in Kambodscha noch immer fasziniert: die tägliche Almosenrunde der buddhistischen Mönche. In der Morgendämmerung ziehen sie in ihren safranfarbenen Roben durch die Straßen von Kep, barfuß, schweigend, ihre Almosenschalen in den Händen.
Für viele westliche Besucher wirkt das zunächst befremdlich, vielleicht sogar erniedrigend: Mönche, die betteln gehen? Aber wer so denkt, hat das Wesen dieser Praxis nicht verstanden. Die Almosenrunde ist kein Betteln, sie ist ein tiefgründiges spirituelles Ritual, das sowohl den Mönchen als auch den Gebenden dient.
In diesem Beitrag möchte ich erklären, was hinter dieser jahrhundertealten Tradition steckt und warum sie eine der schönsten Praktiken des Buddhismus ist.
Was ist die Almosenrunde?
Die Almosenrunde, auf Pali „Pindapata“ genannt, ist die tägliche Praxis buddhistischer Mönche, in den frühen Morgenstunden durch die Straßen zu gehen und Nahrung von Laien zu empfangen.
Der Ablauf:
- Die Mönche stehen vor Sonnenaufgang auf (oft gegen 5 Uhr).
- Sie ziehen ihre Roben an und nehmen ihre Almosenschalen (Pali: Patta).
- In einer Reihe, vom ranghöchsten zum jüngsten, gehen sie schweigend durch die Straßen.
- Menschen warten vor ihren Häusern oder am Straßenrand.
- Sie legen Speisen in die Schalen der Mönche, meist Reis, manchmal Obst, Gemüse oder andere Nahrungsmittel.
- Die Mönche akzeptieren schweigend, ohne zu danken, ohne zu wählen.
- Nach der Runde kehren sie zum Tempel zurück und essen das Gesammelte, ihre einzige Mahlzeit des Tages (manche Traditionen erlauben eine zweite Mahlzeit vor Mittag).
Das Ganze dauert meist 30–60 Minuten und findet jeden Tag statt, bei Sonne, Regen, Hitze oder Kälte.
Die spirituelle Bedeutung – mehr als nur Nahrungsaufnahme
Für westliche Augen mag das aussehen wie eine praktische Lösung: Mönche haben kein Einkommen, also müssen sie sich ihr Essen holen. Aber die Almosenrunde ist viel mehr als nur Nahrungsbeschaffung.
Für die Mönche: Demut und Loslassen
Demut kultivieren: Jeden Morgen vor den Häusern zu stehen und auf Gaben zu warten, erfordert Demut. Das Ego sagt: „Ich sollte nicht betteln müssen.“ Aber genau das ist der Punkt: das Ego loslassen, den Stolz überwinden.
Nicht-Anhaftung praktizieren: Mönche dürfen nicht wählen, was in ihre Schale kommt. Lecker oder nicht, viel oder wenig, sie akzeptieren, was gegeben wird. Das lehrt Nicht-Anhaftung an Vorlieben und Abneigungen.
Abhängigkeit akzeptieren: Mönche sind abhängig von der Großzügigkeit der Laien. Das erinnert sie daran, dass niemand völlig unabhängig ist: Wir alle sind voneinander abhängig. Diese Erkenntnis fördert Mitgefühl und Verbundenheit.
Achtsamkeit üben: Die Almosenrunde ist eine Gehmeditation. Jeder Schritt bewusst, jede Bewegung achtsam. Nicht hetzen, nicht grübeln, einfach da sein, im Moment.
Für die Gebenden: Dana – Großzügigkeit
Dana ist das Pali-Wort für Großzügigkeit oder Geben. Im Buddhismus ist Dana eine der wichtigsten Tugenden und die erste der „Zehn Vollkommenheiten“ (Paramitas).
Warum ist Geben so wichtig?
- Es schwächt die Gier: Wenn ich gebe, löse ich mich von der Anhaftung an Besitz. Ich erkenne: Ich kann teilen. Ich muss nicht alles für mich behalten.
- Es erzeugt gutes Karma: Im buddhistischen Verständnis schafft Großzügigkeit positive karmische Verdienste. Wer gibt, säht Samen für zukünftiges Glück.
- Es öffnet das Herz: Geben macht glücklich, nicht die Mönche, sondern die Gebenden. Es ist ein Akt der Liebe, des Mitgefühls, der Verbundenheit.
- Es unterstützt die Sangha: Durch Dana ermöglichen Laien den Mönchen, sich auf ihre spirituelle Praxis zu konzentrieren. Ohne Dana gäbe es keinen Buddhismus.
Die Umkehrung: Wer gibt wem?
Hier kommt das Schönste: Im Buddhismus wird die Almosenrunde nicht als „Mönche betteln bei Laien“ verstanden, sondern als „Laien bekommen die Gelegenheit, zu geben“.
Die Mönche sind die Gebenden, nicht die Nehmenden.
Wie kann das sein?
Die Mönche geben den Laien:
- Die Gelegenheit, Großzügigkeit zu praktizieren (Dana)
- Die Möglichkeit, gutes Karma zu schaffen
- Ein Vorbild spirituellen Lebens
- Lehren und Weisheit
- Segen und spirituelle Verdienste
Die Laien geben den Mönchen:
- Nahrung für den Körper
- Unterstützung für ihre Praxis
In diesem Sinne ist die Almosenrunde ein Austausch, eine Symbiose, nicht eine einseitige Bettelei.
Ein kambodschanischer Freund sagte mir einmal: „Wenn ich den Mönchen Reis gebe, danke ich ihnen, nicht umgekehrt. Sie geben mir die Chance, ein guter Buddhist zu sein.“
Diese Perspektive hat meine westliche Sichtweise komplett umgedreht.
Meine persönlichen Beobachtungen in Kep
In Kep sehe ich die Almosenrunde fast jeden Morgen. Hier ist, was mich daran fasziniert:
Die Stille und Würde
Die Mönche gehen schweigend. Keine Gespräche, kein Smalltalk, keine Bitten. Sie stehen einfach da, die Schale in den Händen, den Blick gesenkt. Es ist eine stille, würdevolle Präsenz.
Auch die Gebenden sprechen meist nicht. Sie legen die Speisen in die Schalen, verbeugen sich leicht, und das war’s. Es braucht keine Worte.
Diese Stille hat etwas Meditatives, fast Heiliges. Inmitten des beginnenden Trubels des Tages, Motorräder, Marktstände, Hunde, ist da dieser Moment der Ruhe.
Die Selbstverständlichkeit
Für Kambodschaner ist die Almosenrunde so selbstverständlich wie Zähneputzen. Jeden Morgen bereiten Familien Reis vor, ein Teil für sich, ein Teil für die Mönche.
Niemand macht ein großes Ding daraus. Es ist einfach Teil des Lebens. Diese Selbstverständlichkeit zeigt, wie tief der Buddhismus in der Kultur verwurzelt ist.
Die Freude der Gebenden
Was mich immer wieder überrascht: Die Menschen, die geben, sehen glücklich aus. Besonders ältere Frauen strahlen, wenn sie den Mönchen Reis in die Schalen legen.
Es ist kein pflichtbewusstes „Ich muss das tun“ – es ist ein freudiges „Ich darf das tun“. Diese Freude am Geben ist ansteckend.
Auch Arme geben
Besonders berührend: Selbst sehr arme Menschen geben. Eine alte Frau, die selbst kaum etwas hat, gibt einen Löffel Reis. Das ist nicht Verschwendung, das ist Priorität. Spirituelle Praxis geht vor materiellem Wohlstand.
Das zeigt: Dana ist nicht abhängig von Reichtum. Auch mit wenig kann man großzügig sein.
Kinder lernen durch Beobachtung
Oft sehe ich Mütter mit ihren kleinen Kindern. Die Kinder dürfen den Reis in die Schalen legen und lernen, sich zu verbeugen. So wird die Tradition weitergegeben, nicht durch Lehrbücher, sondern durch tägliches Erleben.
Was darf in die Almosenschale?
Traditionell geben Menschen Nahrungsmittel:
- Reis (das Grundnahrungsmittel)
- Sticky Rice (Klebreis)
- Gemüse und Früchte
- Manchmal fertige Gerichte
- Süßigkeiten (besonders bei besonderen Anlässen)
Was nicht in die Schale kommt:
- Geld (Mönche sollen kein Geld berühren, obwohl das in der Praxis unterschiedlich gehandhabt wird)
- Fleisch (in manchen Traditionen, abhängig von den Regeln des jeweiligen Ordens)
- Alkohol oder Rauschmittel
Wichtig: Mönche dürfen nicht ablehnen, was gegeben wird (mit Ausnahme von Verbotenem). Sie nehmen alles an, auch wenn es nicht schmeckt, auch wenn es zu viel oder zu wenig ist.
Die Regeln der Almosenrunde
Buddhistische Mönche folgen strengen Regeln, dem Vinaya, dem monastischen Disziplinencode. Für die Almosenrunde gibt es die folgenden spezifischen Vorschriften:
Für die Mönche:
- Barfuß oder in einfachen Sandalen gehen
- Schweigend gehen
- Den Blick gesenkt halten (Demut)
- Nicht um Essen bitten oder es einfordern
- Alles akzeptieren, was gegeben wird
- Nicht wählerisch sein
- Nicht mehr als die Schale fassen kann annehmen
- Nach der Runde zum Tempel zurückkehren
- Das Gesammelte mit anderen Mönchen teilen
- Nur vor Mittag essen (in den meisten Traditionen)
Für die Gebenden:
- Respektvoll sein
- Sich angemessen kleiden (Schultern und Knie bedeckt)
- Die Schuhe ausziehen (bei Gaben im Tempel)
- Sich leicht verbeugen
- Nichts erwarten (keine Dankbarkeit, kein Segen)
Was passiert nach der Almosenrunde?
Zurück im Tempel teilen die Mönche das Gesammelte. Alles wird auf einem großen Tablett ausgebreitet, und jeder Mönch nimmt sich, was er braucht.
Die Mahlzeit:
- Wird schweigend eingenommen
- Ist oft die einzige des Tages (oder es gibt eine zweite vor Mittag).
- Wird achtsam gegessen, jede Gabe als Geschenk erkannt
- Übriggebliebenes wird manchmal an Tempel-Helfer oder Arme verteilt.
Nach dem Mittag: In den meisten buddhistischen Traditionen dürfen Mönche nach 12 Uhr mittags keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen, nur noch Wasser, Tee oder Säfte. Diese Praxis fördert Disziplin und Nicht-Anhaftung.
Kann ich als Westler auch geben?
Ja, absolut! Wenn du in einem buddhistischen Land bist und die Almosenrunde siehst, kannst du teilnehmen.
Was du beachten solltest:
- Respekt zeigen: angemessene Kleidung (Schultern und Knie bedeckt), kein lautes Verhalten, keine aufdringliche Fotografie.
- Die richtige Nahrung: Am besten Reis oder Obst. Im Zweifel beobachte, was Einheimische geben, oder frage im Tempel.
- Die richtige Haltung: Stehe oder knie, wenn die Mönche kommen. Lege die Speisen vorsichtig in die Schale. Verbeuge dich leicht. Erwarte nichts.
- Stille bewahren: nicht reden, nicht nach einem Segen fragen. Einfach geben und loslassen.
- Keine Fotos (zumindest nicht aufdringlich): Es ist okay, diskret aus der Ferne zu fotografieren, aber nicht direkt in die Gesichter der Mönche. Die Almosenrunde ist kein Fotomotiv, sondern eine spirituelle Praxis.
Mein Tipp: Kaufe am Vortag Reis oder Obst auf dem lokalen Markt. Am nächsten Morgen früh aufstehen, die Mönche kommen sehen und in Demut geben. Es ist eine bewegende Erfahrung.
Was ich von der Almosenrunde gelernt habe
Als Westler, geprägt von Individualismus und Unabhängigkeit, war die Almosenrunde für mich zunächst schwer zu verstehen. Heute sehe ich in ihr tiefe Weisheit:
- Wir sind voneinander abhängig – niemand ist eine Insel. Mönche brauchen Laien, Laien brauchen Mönche. Wir alle brauchen einander. Diese gegenseitige Abhängigkeit anzuerkennen, ist nicht Schwäche, es ist Realität.
- Geben macht glücklicher als Nehmen – die Freude in den Gesichtern der Gebenden ist echt. Großzügigkeit öffnet das Herz.
- Demut ist befreiend – das Ego zu überwinden, Hilfe anzunehmen, nicht alles kontrollieren zu müssen, das ist Freiheit.
- Einfachheit ist genug – Mönche leben von dem, was ihnen gegeben wird. Sie brauchen nicht viel. Diese Einfachheit ist inspirierend in einer Welt des Überflusses.
- Spiritualität ist im Alltag – die Almosenrunde ist kein spektakuläres Ritual in einem Tempel. Sie findet auf der Straße statt, zwischen Motorrädern und Marktständen. Spiritualität ist im gewöhnlichen Leben, nicht getrennt davon.
Fazit: Die Schönheit des Gebens und Nehmens
Die Almosenrunde ist eine der schönsten Traditionen des Buddhismus. Sie ist einfach, alltäglich und doch tiefgründig.
Sie lehrt Demut, Großzügigkeit, Achtsamkeit und Verbundenheit. Sie zeigt, dass Geben seliger ist als Nehmen und dass wahres Nehmen Demut erfordert.
Für mich ist die morgendliche Almosenrunde in Kep ein tägliches Zeichen, dass diese Werte noch lebendig sind. In einer Welt, die von Gier, Egoismus und Konsum geprägt ist, ist es berührend zu sehen, wie Menschen jeden Morgen freiwillig teilen, nicht weil sie müssen, sondern weil es ihnen Freude macht.
Das ist der Geist des Buddhismus: gelebt, nicht nur gelehrt.



